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#6 Die Mutterschuld


„Wir heutigen Frauen mitsamt unseren Kindern sind die Nachfahrinnen der Ersten von Gewalt Betroffenen im patriarchalen System von Raub, Mord und jede Art von Gewaltverbrechen. Wir tragen verschiedene epigenetische „Erbsünden“, wie das patriarchal induzierte Stockholm-Syndrom, schon lange in unserer genetischen Ausstattung, um sie nicht wissend darum und unbewusst weiter zu vererben.

 

Die Patriarchose – ein Begriff, den Dagmar Lilly Margotsdotter geprägt hat - wurde zum gut ausgebautem Gefängnis für die Frau. Und als Frauen und Mütter sind wir nur deshalb nicht zugrunde gegangen - und damit die Spezies Mensch - da wir mit der unglaublichen Resilienz der Naturwesen ausgestattet sind, die uns in der Regel auch unter wahnwitzigen und brutalen Bedingungen überleben lässt.

 

Durch die Entstehung des Patriarchats hatten sich die ersten Hirtennomaden selbst von ihrem natürlichen Gemeinschaft- und Arterhalt abgekoppelt. Dem männlichen Selbsterhalt lag und liegt ein aus Angst entstandener Kontrollwahn zugrunde und ist blanke Selbstsucht und Selbstschutz des patriarchalen Systems.

 

Diese Fehlentwicklung initiierte und förderte dramatisch die Un-Geborgenheit des Individuums in den nun neu zu definierenden Sozialstrukturen. Wir können den Auftakt des Patriarchats, und damit der Patriarchose, als den Beginn einer permanenten Geiselnahme des Lebens definieren.

 

Mit einer Geisel sendet der Geiselnehmer immer ein Signal – zum einen fungiert sie als eine Art Schutzschild für den Täter, der damit droht der Geisel das Leben zu nehmen, wenn man ihn nicht gewähren lässt. Zum anderen ist dieser Akt des Terrors eine Drohung in die Zukunft und ein Zeichen für alle, sich ihm nicht in den Weg zu stellen und sich darüber hinaus ab jetzt nicht mehr in Sicherheit zu wissen.

 

Diese Art der patriarchal konstituieren Geiselnahme betraf nicht nur jedes Individuum, sondern kollektiv die relativ friedfertige Urgemeinschaft vor gut 7.000 Jahren. Sie brachte nicht nur als ein Merkmal das typische Stockholm-Syndrom hervor, sondern dient bis heute als der ideale Nährboden für jede Art von psychopathologischer Störung.“

 

Hier habe ich noch einmal ein paar Zitate aus Stephanie Gogolins grandiosem, 3-teiligen Blogartikel über das patriarchale Stockholm-Syndrom aufgegriffen.

 

Wie sich hieraus eine „Mutterschuld“ entwickelte, will ich nun erklären:

 

Wie du in Folge 2, 3 und 4 dieses Blogs erfahren hast, war der grundlegende Wandel im menschlichen Kontinuum die gewaltvolle Auflösung des Kontinuums und hin zur Patriarchose.

 

Evo-biologisch ist auch uns Menschen zu Eigen, unsere Nachkommen für den Erhalt der Gattung am Überleben zu halten. Dieser Mechanismus ist so tief in uns Menschen (und auch in nahezu allen Tieren, zumindest bei den Säugetieren, aber nicht nur da) verankert, dass wir – egal was passiert und kommt – unsere eigenen Nachkommen bei Gefahr schützen.

 

Wie du in Artikel #5 – Das kollektive Stockholm-Syndrom – erfahren hast, muss sich früher oder später die Mutter der Geiselhaft ergeben und unterwerfen, um sich selbst, wenigstens aber ihre Kinder, am Leben zu halten.

 

Und du hast auch gelernt, dass – oft im vorauseilendem Gehorsam – ein Überlebensumfeld geschaffen wurde, um halbwegs heil aus der Situation zu kommen.

 

Um hier noch wirksamer die Trennung von Mutter und Tochter voranzutreiben, entwarfen die frühen Patriarchen Glaubenssysteme – aka Religionen - und Dogmen, die eben alles Weibliche abwerteten und ihnen selbst die „Schuld“ an ihrer eigenen Misere gaben. Diese typische Täter-Opfer-Umkehr kennen wir bis heute.

 

Als Mutter bläust du deiner Tochter ein, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, damit sie möglichst keine Aufmerksamkeit der Aggressoren auf sich zieht. Es ist nicht und war nie böse gemeint, denn es sicherte das Überleben der Tochter. Damit diese wieder eine Tochter zur Welt bringen kann und den unendlichen Kreislauf des Lebens am Laufen hält.

 

Nur – im Patriarchat zählten auf einmal die Töchter nichts mehr, der Fokus lag (und liegt bis heute) auf den Söhnen, die als „Nachfolger“ des Vaters in seine Fußstapfen treten sollten und sollen. Was das über die Jahrtausende mit den Söhnen gemacht hat, ist ein eigener, extra Beitrag wert (#11).

 

Töchter „mussten weg“ - wurden entweder kurz nach der Geburt getötet, definitiv schlechter ernährt und behandelt und möglichst früh an einen fremden, meist verbündeten Mann oder dessen Sohn verheiratet. Bis heute werden, dank moderner Pränataldiagnostik, in besonders patriarchal geprägten Ländern weibliche Föten abgetrieben. Was mittlerweile zu dem unglücklichen Zustand der erwachsenen Söhne führt, dass sie nie eine Partnerin abbekommen werden oder diese sich im Ausland „kaufen“ müssen.

 

Es hat sich sehr schnell der internalisierte Glaubenssatz ergeben, dass Mädchen und Frauen „nichts Wert“, sogar teuer sind und man(n) als Vater sie sich leisten können muss. Je höher die Mitgift der Tochter, desto bessere Chancen auf einen guten Ehemann.

 

Als Mutter stieg dein Ansehen bei den Patriarchen, wenn du mindestens einen Sohn geboren hast, der die Erbfolge seines Vaters antrat. Und wenn dein Sohn dann eine Frau heiratete, zog diese in deinen Haushalt und du konntest über sie bestimmen. Zumindest bis sie ebenfalls einen Sohn geboren hat.

 

Diese „Mutterschuld“ ist nie und war nie böswillig gemeint, sie ist, wie gesagt, ein Überlebensmechanismus, um dich und deine Kinder im patriarchalen System am Leben zu halten.

 

Zwei evo-biologische Naturgesetze wurden durch den Patriarchalisierungsprozess ausgehebelt, teilweise ideologisiert:

 

1.Die Liebe einer Mutter ist unendlich

 

Das ist der Überlebensmechanismus einer jeden Spezies, denn das Kind kann nur durch die Liebe der Mutter und ihrem Art-typischen, sie stützenden und fördernden Umfeld, überhaupt überleben und selber ins fortpflanzungsfähige Alter kommen. Und:

 

2. Eine Tochter muss immer für ihre Mutter da sein

 

In der Tochter leben die Gene der Mutter weiter, sie ist die Garantin für das Weiterleben der Spezies. Die mitochondriale DNA wird nur in der weiblichen Linie weiter vererbt, hier finden sich auch alle epigenetischen Erlebnisse, vom Anbeginn der Menschheit bis heute. Die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen, ohne sie stirbt die Zelle und damit schlimmstenfalls in der Folge der ganze Organismus.

 

Traumatisierungen stören nun das diffizile Verhältnis von Mutter und Tochter, seien es Gewalteinwirkungen von Außen, während des Geburtsvorgangs (besonders in der heutigen „Geburts-Hilfe“) und natürlich von dysfunktionalen, gesellschaftlichen Systemen.

 

All dies sind bereits die Auswirkungen des Verlusts des menschlich-mütterlichen Kontinuums und die Ursache fast aller heutigen, psychosozialen Probleme.

 

Egal, ob es sich um Bindungs- oder Beziehungsstörungen handelt, um neurotische oder gar psychotische Persönlichkeitsstörungen, bis hin zu Süchten aller Art, um den Mangel an Kontinuumserfahrung und -erleben zu kompensieren.

 

Auch der unbedingte Wunsch nach „Erfolg“ auf allen Ebenen – beruflich, familiär, in Sport und Freizeit oder das „Größer-Schneller-Höher-Weiter“ ist hier zu verorten. Was uns mittlerweile bis an den den Rand des Fortbestands der Biosphäre auf der Erde gebracht hat.

 

Wie aus der Mutterschuld das Mutterkarma wurde, erzähle ich dir imfolgenden, gleichnamigen Blogartikel.

 

Zum Weiterlesen und Weiterforschen, habe ich hier (in der Beschreibung) wieder weiterführende, zum Thema passende Links zu Blogs und Podcast-Episoden aufgeführt:

 

https://marthastochter.wordpress.com/2019/09/06/das-patriarchale-stockholm-syndrom/

https://marthastochter.wordpress.com/2019/10/13/das-patriarchale-stockholm-syndrom-teil-ii/

https://marthastochter.wordpress.com/2020/01/18/das-patriarchale-stockholm-syndrom-teil-iii/

https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat

 

Hier unten findest du diesen Artikel zum Anhören bei YouTube eingebettet:

 

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