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#8 Das menschliche Kontinuum heute


In den vergangenen Blogartikeln hast du mittlerweile viel über den Ursprung der Patriarchose und die Auswirkungen erfahren, der sich besonders auf Mädchen, Frauen und Müttern ausgesetzt sehen.

 

Jetzt mache ich eine Bestandsaufnahme, einen Ist-Zustand, unserer heutigen, westlich-modernen Gesellschaft, deren Struktur grundlegend patriarchal ist:

 

  • Wir leben in der Pseudo-Patrilinearität, Name, Familien- und Erbrecht gehen vom Vater aus. Mütter werden nicht nur namentlich ausgeblendet, indem sie größtenteils immer noch den Familiennamen des Ehemannes bei der Heirat annehmen, sondern auch sonst haften ihnen die Makel verschiedenster Ideologien an den Hacken. Rabenmutter, Helikoptermutter, Glucke - eine Mutter im Patriarchat kann es niemandem niemals Recht machen. Am allerwenigsten kann sie sich selbst ihren eigenen, durch das patriarchale System induzierten, Ansprüchen genügen.

 

  • Geburten finden heute zu 90% in Krankenhäusern statt. Oft sogar nach Kalender geplant und mit Kaiserschnitt durchgeführt, da so die Krankenhäuser mit ihren Geburtsstationen besser wirtschaftlich planen können. Außerdem bringt ein chirurgischer Eingriff mehr Geld in die knappe Krankenhauskasse, als eine vaginale Geburt. Durch den finanziellen Druck im Gesundheitssystem in Deutschland fehlt ausreichend Personal, das obendrein physisch und psychisch oft überlastet ist und beständig am Rand des Burnouts arbeitet. Daraus resultieren gewalttätige und übergriffige Situationen auf die Gebärende, die sich in ihrer akut schwierigen Situation nicht ausreichend wehren und schützen kann. Und obwohl die Geburten wieder zunehmen, werden gerade in ländlichen Gegenden die Geburtsstationen in den Krankenhäusern geschlossen, weil sie „wirtschaftlich nicht rentabel“ sind. Hebammen werden seit ein paar Jahren derart horrend hohe Haftpflichtversicherungsbeiträge in Rechnung gestellt, dass die Arbeit einer freien Hebamme nahezu unmöglich gemacht wurde. Hebammen suchen sich nun Festanstellungen in Geburtsstationen und Geburtshäusern die ihnen aber größtenteils ihre freien Entscheidungen bei der Arbeit nehmen.

 

  • Die patriarchale Kleinfamilie mit Vater-Mutter-Kind kann unter den gegebenen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen keine Kontinuumserfahrung bieten. Kinder sollen möglichst schnell nach der Elternzeit in eine Fremdbetreuung wechseln, damit die Eltern wieder voll und ganz dem neoliberalen Wirtschaftssystem zur Verfügung stehen und als Konsumenten den Wirtschaftskreislauf am Laufen halten. Das bisschen Eltern- und Kindergeld, dass der Staat zahlt (in vielen anderen Ländern aber auch nicht), reicht nicht, um die mangelnde Kontinuumserfahrung auszugleichen.

 

  • In den letzten Jahrzehnten hat sich – gerade nach der Veröffentlichung von Jean Lidloffs Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ - bei den meisten Eltern herumgesprochen, dass besonders in den ersten Monaten nach der Geburt eines Kindes, es die körperliche Nähe der Eltern braucht, um die evo-biologische Kontinuumserfahrung zu machen. Deshalb kann der Prozess der gesunden Kontinuumsentwicklung nicht aufrecht gehalten werden, weil früher oder später die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwänge die Eltern zwingen, das Kind körperlich auf Abstand zu halten. Die Dauer einer gesunden Kontinuumsentwicklung liegt bei bis zu fünf Jahren. Ein familiär-soziales Auffangbecken gibt es meist nicht, da auch hier der gesellschaftliche Druck herrscht, möglichst früh das Elternhaus zu verlassen und möglichst weit weg zu ziehen. Großeltern, Tanten, Cousinen leben ihr eigenes Leben mit den gleichen Problemen.

 

  • Die meisten Eltern können sich nicht oder nur ungenügend gegen die immer noch stark wirkenden sozialen Zwänge – eher Glaubensdogmen – wehren, die von ihrem persönlichen Umfeld an sie heran getragen werden. Immer noch spukt in den Köpfen der meist älteren Verwandten, Nachbarn und Kolleginnen das Märchen vom „verweichlichten“ oder "verwöhnten" Kind, wenn es nahe am Körper der Eltern getragen und länger als sechs Wochen gestillt wird oder gar im Elternbett mit schläft.

 

  • Gerade die Generationen, die vor, währen und nach dem zweiten Weltkrieg in einem Krankenhaus zur Welt kamen, wurden gleich nach der Geburt übelst behandelt: sofort die Nabelschnur durchtrennt, auf den Kopf gestellt, damit die Flüssigkeiten aus der Lunge ablaufen konnten, einen Klaps auf den Po, damit wir anfingen zu atmen, sofort in kratzige Handtücher gewickelt, kurz der Mutter gezeigt und dann in ein Bettchen verfrachtet und in ein Zimmer mit zig anderen, verzweifelt nach ihren Müttern schreienden Säuglingen aufbewahrt. Dazu kamen die „Erziehungsdogmen“ aus der Kaiser- und Nazizeit, die sich teilweise bis heute in den Köpfen der Menschen halten. Hier konnte niemals eine sofortige Bindung von Mutter und Kind geschehen, kein Overshoot an Oxytocin, kein Geruchsaustausch, sodass wir Älteren heute nur wenig positiven Bezug zu unseren Müttern haben. Und umgekehrt.

 

  • Bei den Menschen, die heute 40 Jahre und älter sind, besteht deshalb ein extrem hohes Risiko an einer oder mehreren Suchterkrankungen zu leiden. Egal, ob Alkohol und/oder Nikotin – unseren gesellschaftlich akzeptierten Drogen – Spielsucht, Workaholism, Kaufsucht oder Internetsucht, die beständige Suche nach neuen SexualpartnerInnen, all diese Süchte sind die verzweifelte Suche nach der Anbindung ans mütterlich-menschliche Kontinuum.

 

  • Das patriarchale Dogma der romantischen Liebesbeziehung ist ebenfalls nur ein Ablenkungsmanöver vom Verlust des Kontinuums. Denn kein einzelner Mensch kann das alleine bedienen, was eine ganze Fürsorgegemeinschaft aus Großmüttern, Müttern, Sexualpartnern, Schwestern, Brüdern, Cousinen und Cousins schaffen kann. Das ist mit ein Grund, warum Beziehungen heute oft so schnell an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Partnerschaftsgewalt wird oft aus Verlustangst heraus begangen, diesen einen Menschen zu verlieren, der doch die Erfüllung aller Kontinuumserfahrungen sein soll. Die Mutter, die nicht nährend genug sein konnte, wird auf die Ehefrau projiziert, die nun diesen Job machen und zusätzlich noch den eigenen Kindern das Kontinuum bieten soll. Zusätzlich ist die sexuell monogame Beziehung nicht an unserer evo-biologischen Female Choice ausgerichtet, sondern verhindert diese geradezu.

 

  • Nicht nur, dass wir seit einer sehr langen Zeit schon nicht mehr im menschartgerechten Kontinuum leben, es kommen noch die tief in unseren Genen sitzenden, Generationen übergreifenden Traumatisierungen on top. Angefangen vom UrTrauma des Patriarchalisierungsprozesses, über den gewaltsamen Wandel vom Matrifokal zum Patriarchat, beginnende Kriege um Besitz und Glaubensdogmen, über die wirklich nicht friedlich abgelaufene Christianisierung Europas und dem Rest der westlichen Welt, die Inquisition, Hexenprozesse, Pest- und Choleraausbrüchen, immer wieder kehrende kriegerische Auseinandersetzungen bis letztendlich zum 2. Weltkrieg, all das hat in uns epigenetisch seine Spuren hinterlassen. Und wer einmal traumatisiert ist, traumatisiert wieder, ob er oder sie das will oder nicht. Denn das selber Traumatisieren lenkt vom eigenen Trauma ab und gibt so einen mentalen Schutz vor erneuerter Traumatisierung.

 

  • All das fördert Depressionen und dazu kommt, dass dysfunktionale familiäre Muster, die nicht aufgelöst werden, in der nächsten Generation wieder auftauchen. Familiäre Konstellationen, in denen über Jahrhunderte sich immer ein Mensch umgebracht hat, Schwangere immer wieder erfolglos versuchten, ihre Föten abzutreiben, die Männer zu Gewalttaten neigten oder es immer wieder die großen, verschwiegenen „Familiengeheimnisse“ gab und bis heute gibt.

 

Ja, das ist heute ein Artikel, der nicht so hübsch flockig um die Ecke kommt. Aber auch die anderen Artikel dieses Blogs sind schon recht schwere Kost, daher stelle ich dir in der folgenden, vorletzten, Blog-Beitrag einige Lösungsansätze vor, wie wir wieder ins natürliche, evo-biologische Kontinuum kommen können. Es wird nicht leicht werden, sich von den vorHERRschenden, patriarchalen Sozialstrukturen zu lösen. Das Patriarchat hat auch mittlerweile 8.000 Jahre an Entwicklung und Finetuning hinter sich, um bis heute und bis hierher zu kommen. Aber ich bin zuversichtlich, dass es keine 8.000 Jahre dauern wird, sondern nur maximal 200 Jahre. Denn wir haben mittlerweile völlig andere und sehr viel schnellere Kommunikationsmöglichkeiten.

 

Zum Weiterlesen und Weiterforschen, habe ich hier (in der Beschreibung) wieder weiterführende, zum Thema passende Links zu Blogs und Podcast-Episoden aufgeführt:

 

Zur Gewalt unter der Geburt, einfach den Suchbegriff in die Suchmaschine deiner Wahl eingeben, es kommen hunderte Ergebnisse, z. B.:

 

https://www.ecosia.org/search?method=index&addon=firefox&q=gewalt%20unter%20der%20geburt

https://herstory-history.com/grundlagen/perspektiven/ueber-die-liebe

https://www.stern.de/gesundheit/hebamme-berufshaftpflicht-kosten-geburt-6926310.html

http://dfh-hebammen.de/versicherungen/

https://phoenix-frauen.de/mutter-vater-kind/

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/vererbtes-trauma-kriegsenkel-haben-oft-das-gefuehl-sie-wuerden-versagen

 

Hier findest du diesen Artikel eingebettet zum Anhören bei YouTube:

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