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#1 Das menschliche Kontinuum nach Jean Lidloff


Was ist das menschliche Kontinuum (nach Jean Lidloff)?

 

1975 schrieb Jean Lidloff ein bahnbrechendes Buch über die frühkindliche Entwicklung, das mit den bis dahin (und zum Teil heute immer noch) geltenden Erziehungsmethoden unserer westlichen, modernen Welt hart ins Gericht ging. Das Buch heißt „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück – gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit“.

 

Jean Lidloff, eine 1926 in New York geborene Amerikanerin, war in den 40iger und 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts eher eine „verwöhnte Göre“, die sich mit Modeljobs ein bisschen Geld verdiente und eher lust- und antriebslos vor sich hin lebte.

 

Mitte der 70iger wohnte sie kurz in Italien, wo sie sich, aus einer spontanen Laune heraus, einer Expedition von Diamantensuchern nach Venezuela anschloss.

 

In Venezuela begegnete sie mit ihrer Expedition verschiedenen indigenen Stämmen, die in der Amazonas-Region lebten. Hauptsächlich wurde der Stamm der „Yequana“ ihr „Studienfeld“.

 

Sie war erstaunt von der fröhlichen Gelassenheit der indigenen Menschen, die scheinbar keine Probleme kannten, so ganz anders als sie selbst und ihre westlichen Reisegefährten.

Während die westlichen, männlichen Begleiter – sie war die einzige Frau auf der Expedition - fluchend und schimpfend unter den Strapazen litten, lachten und scherzten die indigenen Männer, die sie als Guides durch den Urwald führten, wenn einem ein kleines Missgeschick passierte während sie sich scheinbar mühelos durch den Dschungel bewegten.

 

Und ihr fiel auf, dass die Kinder der Yequana so ganz anders behandelt wurden, als alle westlichen Kinder, die sie kannte – sich selbst mit eingeschlossen.

Babys wurden von Geburt an permanent und andauernd am Körper der Mutter oder einer anderen engen Bezugsperson getragen. So lernte das Baby das bedingungslose Angenommen sein und die Sicherheit des Getragen- und Gehaltenwerdens.

 

Sobald die Kleinkinder körperlich dazu in der Lage sind, dürfen sie eigenständig die Umgebung erkunden, da die Eltern wissen, dass sie sich immer wieder zurück zu ihren Bezugspersonen bewegen werden, sobald sie sich unwohl fühlen, weil dort Schutz, Geborgenheit und Nahrung immer bereit ist.

Etwas größeren Kindern wird absolute Entscheidungsfreiheit gewährt, die sie dann aber mit aller Konsequenz „aussitzen“ müssen. Trotzdem haben sie immer das Recht, ihre Meinung und Entscheidung ändern zu dürfen. Niemand – schon gar kein Erwachsener – schreibt den Kindern vor, was sie wann, wo und wie zu tun haben.

 

Und dadurch, dass immer alle Altersklassen vom Säugling bis zum Greis zusammen sind, leben Kinder einen gleichberechtigten Alltag und lernen durch Beobachtung und spielerisches Nachmachen das Leben in ihrem Kollektiv.

Und in diesem Kollektiv wird viel Gelacht und meist nur das Notwendigste gemacht, um das Überleben zu sichern. Dinge oder Tätigkeiten, die sich als sinnlos oder unnütz darstellen, werden schnell beiseite gelegt.

 

Jean Lidloff stellte nun eine These auf, dass das „verlorene Glück“ moderner, westlicher Menschen im „Verlust des menschlichen Kontinuums“ zu suchen sei.

 

Denn wir modernen Menschen haben uns über Jahrmillionen zu gut funktionierenden Wesenheiten entwickelt, die heute immer noch die gleichen Grundbedürfnisse haben, wie unsere VorfahrInnen vor 10.000 Jahren – Sicherheit im Kollektiv und bedingungsloses Angenommen sein durch die Beziehungspersonen.

 

Oder wie sie in ihrem Buch auf Seite 38 schreibt:

 

Zitat:

Die Erwartungen, mit denen wir dem Leben gegenüber treten sind unentwirrbar Verwoben mit gewissen Bestrebungen (z. B. zu saugen, Verletzungen zu vermeiden, zu krabbeln, die Umwelt zu erforschen, nachzuahmen). Indem das, was wir an Behandlung und Lebensumständen erwarten verfügbar wird, wirken bestimmte Abfolgen solcher Bestrebungen in uns mit ihnen zusammen, wiederum in der von unseren Vorfahren vorbereiteten Weise. Trifft das Erwartete nicht ein, so bemühen sich korrigierende oder ausgleichende Bestrebungen um Wiederherstellung der Stabilität.

Das menschliche Kontinuum kann definiert werden als die Erfahrungsfolge welche vereinbar ist mit den Erwartungen und Bestrebungen unserer Gattung in einer Umgebung, die mit derjenigen, in der jene Erwartungen und Bestrebungen sich ausprägten, übereinstimmen. Es schließt angemessenes Verhalten anderer und entsprechende Behandlung durch sie als Teil jener Umgebung ein.

Das Kontinuum eines Einzelwesens ist vollständig; es bildet jedoch einen Teil des Kontinuums seiner Familie, welches wiederum Bestandteil der Kontinua seines Clans, seiner Gemeinschaft und seiner Gattung ist; ebenso ist das Kontinuum der Gattung Mensch Bestandteil des Kontinuums allen Lebens. Jedes Kontinuum hat seine eigenen Erwartungen und Neigungen, die auf langwährende, formgebende Vorgeschichte zurück zu führen sind.“

Zitat Ende

 

Oder einfacher ausgedrückt:

 

ein menschliches Wesen entwickelt sich auch heute noch so, wie es sich vor einer Millionen Jahre, oder 100.000 Jahren entwickelt hat – 9 Monate oder 40 Woche sicher innerhalb des Körpers der Mutter, wo alle seine Bedürfnisse automatisch befriedigt werden.

 

Und auch nach der Geburt erwartet heute das kleine Menschenkind genau das selbe, wie das frisch geborene Menschenkind, das vor 25.000 Jahren in der Nähe von Lascaux oder vor 100.000 Jahren in den Savannen Afrikas das Licht der Welt erblickte: sofortige Annahme von seiner Mutter, sichere Nahrung durch ihre Brüste und das bedingungslose Angenommensein von seiner Sippe als gleichwertigen Teil davon.

 

Findet es das nicht, dann wird es regulierende Dinge tun, um es wieder in den Zustand der emotionalen Stabilität zu kommen. Das kann Daumenlutschen sein, oder das sich Ankuscheln an ein Stofftier.

 

Als „moderne“ Erwachsene haben wir im Laufe der letzten paar Jahrtausende Coping-Strategien entwickelt, die uns ebenfalls in den Zustand der emotionalen Stabilität bringen sollen. Das können bestimmte Verhaltensmuster sein, die angefangen vom Hören bestimmter Musik, über „Essen als emotionale Belohnung“, hin zu Beziehungsproblemen und der unbewusst zwanghaften Suche nach „Erfolg, Belohnung und Bestätigung“ in Beruf und Freizeit.

 

Warum wir modernen Menschen dieses absolut natürliche und ursprüngliche Verhalten von Müttern zu ihren Kindern verloren haben, darüber spreche ich in Teil 2 dieses Blogs: „Der Bruch mit dem menschlichen Kontinuum – die Trennung von Mutter und Kind“.

 

Mehr Infos zu Jean Lidloff, die leider 2011 bereits verstarb, findest du z. B. bei Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Liedloff

 

Unten findest du eingebettet diese Episode zum Anhören auf YouTube:

 

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