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#9 Lösungsansätze für eine neue Kontinuumsanbindung


Jean Lidloff hatte in ihrem Buch „Von der Suche nach dem verlorenen Glück“ schon einige Vorschläge gemacht, wie wir modernen, westlich sozialisierten Menschen wieder ansatzweise ins Kontinuum zurück finden können.

 

Die ersten Maßnahmen, die auch tatsächlich im Laufe der vergangen Jahrzehnte nach Erscheinen ihres Buches umgesetzt wurden, waren, dass Babys gleich nach der Geburt zuerst auf den Bauch der Mutter gelegt werden und beide gemeinsam sich im Außen kennen lernen können. Erst danach geht der ganze weitere Klinikprozess weiter.

 

Auch das Babytragetuch, dass Jean Lidloff bei den Indigenen Südamerikas kennen lernte, trat seinen Siegeszug in der westlichen Welt an. In Afrika, Asien und Südamerika ist es aber ganz und gar üblich, Kinder so lange am Körper der Mutter oder einer anderen Beziehungsperson zu tragen, bis sie selbständig Laufen können.

 

Wir modernen, westlichen Menschen können uns bei Königin Victoria von England bedanken, denn sie war maßgeblich für die Einführung des Kinderwagens verantwortlich!

 

Es ist natürlich viel leichter, ein kleines Kind vor sich her zu schieben, als es am Körper zu tragen. Ganz besonders, wenn frau durch ein enges Korsett und sehr weite Röcke in den Bewegungen und am Atmen behindert wird. Heute gibt es Kinderwagenmodelle, die fast den Preis eines gebrauchten Kleinwagens haben.

 

Das Tragen des Babys im Tuch wird eher von alternativ eingestellten Eltern umgesetzt, auch wird hier bewusst mehr auf die Bindungsbedürfnisse des Kindes eingegangen.

 

Das „Rooming-in“, dass neugeborene Babys im gleichen Zimmer wie die Mutter liegen, wurde schon Mitte der 70iger Jahre allmählich in den Geburtskliniken eingeführt. Auch ist es heute üblich, dass ein krankes Kind im Krankenhaus einen Elternteil bei sich haben darf. Besonders, wenn das Kind noch recht klein ist.

 

Wer maßgeblich für das Rooming-in verantwortlich war, konnte ich leider bei meiner Recherche nicht herausfinden.

 

Da unser gesamtgesellschaftliches System nicht auf Kinder und ihre Mütter ausgerichtet ist, müssen wir anfangen, alternative Modelle zu entwerfen und umzusetzen:

 

  • Politischen Druck machen, dass wieder mehr Fördergelder für Geburtshäuser und Hebammen zur Verfügung gestellt werden.

 

  • Die „moderne“ Geburtshilfe in den „Krankenhäusern“ grundsätzlich reformieren! Geburten dürfen niemals einem Kostendruck oder einer Kosteneffizienz unterliegen!

 

  • Das Wochenbett wieder Wochenbett sein lassen – 40 Tage nur für Mutter und Baby, damit sie sich in der neuen Situation im Außen ausreichend kennen lernen können. Hier darf gerne wieder die Verwandtschaft der Mutter unterstützend zur Seite stehen (vorausgesetzt, die mütterlichen Traumatisierungen wurden aufgelöst. Dazu mehr im folgenden Blog-Artikel #10, in der ich dir die Ahninkette vorstellen werde). Auch den „Vätern“ soll hier die Möglichkeit gegeben werden, für die 40 Tage des Wochenbetts an der Seite der Kindsmutter zu sein, um sie und das neue Baby unterstützen zu können. Auch wird hier die Bindung des Babys zum Vater als Bezugsperson gefestigt. Männer dürfen im Patriarchat so lange keine Nachteile im Beruf erfahren, wenn sie sich um Kinder kümmern, bis hier eine wirkliche Auflösung der patriarchalen Strukturen eingetreten ist. Es reicht schon, wenn Frauen mit Kindern kaum noch berufliche Chancen haben, sind die Kinder erst einmal auf der Welt. Hier muss die echte „Gleichberechtigung“ ansetzen!

 

  • Ein ganz einfacher Trick, der die Mütter auch bei der Namensgebung berücksichtigt: beim Standesamt den Zweitnamen des Kindes mit dem Vornamen der Mutter verbinden. Also (jetzt mein persönliches Beispiel) statt „Susanne, Helga, Ursula“ Susanne Solveigsdotter eintragen lassen. Bei einem Jungen (hier das Beispiel an meinem Bruder) statt „Robert, Herbert, Eberhard“ Robert Solveigssohn in die Geburtsurkunde setzen lassen. Jetzt weißt du auch, dass unsere Mutter Solveig hieß.

 

  • Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf“. Ja – das ist absolut korrekt und ein Kindergarten oder eine Kinderkrippe kann niemals die Struktur eines Dorfes abbilden. Zum Einen sind alle Anwesenden in diesem „Dorf“ nahezu gleich alt (viele kleine Kinder und ein paar wenige, erwachsene Erziehende), zum anderen sind diese Institutionen meist auch einem Kostendruck ausgesetzt. Das gilt zumindest für staatliche oder konfessionelle Einrichtungen. Daher müssen wir kleinen Kindern wieder „dörfliche“ Strukturen anbieten – Orte, wo sie sich sicher, frei und selbstbestimmt bewegen und Kontakte zu Menschen aller Altersstufen haben können. Das kann natürlich zuerst in einer alternativen Lebensgemeinschaft oder einem Mehrgenerationenhaus umgesetzt werden, das geht aber genauso gut auch in einem gewöhnlichen Plattenbau. Mütter: solidarisiert euch! Ihr habt alle die gleichen Probleme, also tut euch zusammen und unterstützt euch gegenseitig! (Über meine Kindheit in einem elfstöckigen Hochhaus zu erzählen, wäre ein eigener Blogartikel wert. Dieses Hochhaus war das Dorf in dem wir Kinder groß geworden sind.)

 

  • Kinder lernen von Anfang an durch Beobachten und Nachmachen. Daher sollten wir alle gemeinsam Kinder an unseren Alltagstätigkeiten teilhaben lassen. Sobald sie körperlich und mental dazu in der Lage sind, sollen sie mit eigenem, kindgerechtem Gerät die Tätigkeiten der Bezugspersonen nachmachen dürfen. Und je früher sie mit den Gefahren der Mitwelt umgehen können, desto selbstsicherer und selbstbewusster werden sie. Lasst sie auch ihr eigenes Leben leben, ohne durchgetakteten Alltag mit Vereinen, Kursen und Fortbildungen. Lasst sie selbst ihre Mitwelt erkunden, am besten natürlich in einer passenden Umgebung. Großstädte wurden nun einmal nicht für Kinder (und ihre Mütter) gemacht, sondern für berufstätige Männer.

 

  • Moderne Kommunikationsgeräte wie Smartphones und Tablets haben nichts in der Gegenwart von kleinen Kindern zu suchen. Denn der Blick der Bezugspersonen geht auf das Display und nicht zum Kind. Kinder brauchen den Blickkontakt, um Sicherheit und Angenommen sein zu erfahren. Unfälle sind häufig, in denen die Bezugspersonen mehr mit dem Smartphone beschäftigt sind, als den Kontakt zum Kind aufrecht zu halten. Das gilt von Geburt an bis das Kind selbständig und selbstbewusst genug ist, alleine zurecht zu kommen. Die mental-emotionale Sicherheit des Umfelds muss für das Kind immer gewährleistet sein.

 

  • Als studierte Fachpädagogin mit Staatsexamen kann ich heute Eltern nur raten, ihre Kinder nicht in eine staatliche, öffentliche Schule zu schicken. Denn hier würde nur all das wieder kaputt gemacht, was ihr an eurem Kind wunderbar aufgebaut habt. Beziehungsweise würde euer Kind sich schnell weigern, dort hingehen zu wollen. Die meisten Freilerner-Eltern haben grundsätzlich schon eine gute Kontinuumsbindung zu ihren Kindern aufgebaut, sodass die Kinder an der Starre, Enge und Unflexibilität der Schulen leiden, wenn sie doch einmal dorthin gehen müssen. Leider werden heute Freilernereltern oft in die Schublade der religiösen Extremisten gesteckt, weil hier eben auch diese Menschen das staatliche Schulsystem für ihre eigenen Dogmen ablehnen.

 

  • Fangen wir wieder an, das Matrifokal zu leben! Ja – es ist extrem schwierig, in unserer patriarchalisierten Welt wieder eine mütterliche Sippenstruktur mit Matrilinearität und Matrilokalität aufzubauen. Gerade auch, weil unsere eigenen Mütter und Großmütter und weiter zurück durch die Verhaltensweisen ihrer eigenen Mütter traumatisiert sind und uns ihre Traumata unwillentlich und unbewusst vererbt haben. Lies dazu nochmal die Artikel #2 und #6. Oft haben wir keinen oder kaum Kontakt zu unseren Müttern oder Geschwistern. Daher müssen wir uns neue Sippenstrukturen aufbauen. Mütter und eure Kinder – tut euch zu Lebensgemeinschaften zusammen und werdet wieder UrMütter. Das, was schwulen und lesbischen Paaren gelungen ist – rechtmäßige Familien zu sein – müssen wir für mütterzentrierte Lebensgemeinschaften auch erreichen! Es kann nicht angehen, dass sobald ein Kind 18 Jahre alt geworden ist, es rechtlich nicht mehr zur Familie gehört und erst wieder in einer „Familie“ leben kann, wenn es sich mit einer fremden, nicht verwandten Person zusammen tut. Ein erwachsener Sohn, der im Haus seiner Mutter lebt und diese im Alter pflegt, ist rechtlich als „Alleinstehend“ einsortiert. Genauso seine Mutter. Zwei Schwestern, die sich eine Wohnung teilen, sind rechtlich keine Familie, sondern einzeln lebende Singles in einer WG. Hier muss grundlegend rechtlich im Familienrecht etwas geändert werden. Unten findest du den Link zu einer Petition dazu.

 

  • Hör sofort auf, von der „Liebe deines Lebens“ zu träumen! Es gibt sie nicht. Denn das, was du suchst, ist das menschliche Kontinuum. Und das kann dir niemals nur eine einzige Person ersetzen. Es gibt viele Verliebtheiten, die nach einigen Monaten ihre Würze und Attraktion verlieren. Und spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ist die Liebe nur noch zwischen Mutter und Baby da. Diese Liebe ist die Originäre, die Ursprüngliche, ohne die wir nicht bis heute als Gattung überlebt hätten. Die erotische Liebe zwischen zwei Sexualpartnern ist nur der müde Abklatsch davon.

 

  • Integriere wieder die Female Choice in dein Leben! Am besten fängst du damit an, Mütter, die von mehreren Männern ihre Kinder haben, zu achten als das was sie sind: Frauen, die ihre Female Choice leben und für die genetische Varianz ihrer Kinder gesorgt haben. Diese Frauen als Huren oder Schlampen zu bezeichnen, ist deinen patriarchalen Täterintrojekten geschuldet. Du plapperst als brave Tochter des Patriarchats nur nach, was du von ihm gelernt hast, um nicht selber ins Fadenkreuz zu geraten. Als nächstes überprüfe dein eigenes Sexualverhalten. Kannst du deinem Sexualpartner klar und deutlich mitteilen, was DIR Lust und Freude bereitet oder machst du das, was er will, weil du Angst hast, ihn sonst zu verlieren, oder er sich das, was du ihm nicht gibst, bei einer anderen Frau holt? Männer sind Polygam, Frauen auch. Das Dogma der Monogamie ist ein Unterdrückungsmittel des Patriarchats, um die Sexualität der Frauen zu kontrollieren. Hab Spaß, solange es Spaß macht und mit wem du Spaß haben möchtest, aber lass dich nicht von patriarchalen Dogmen eingrenzen. Diese Zeiten sind vorbei!

 

  • Als letzten Tipp: setze dich für die Veränderung unserer patriarchalen Strukturen ein! Gründe eine Lebensgemeinschaft die Kinder und Mütter im Zentrum haben, lasst die Männer euch unterstützen und an eurer Seite sein. Aber gebt ihnen nicht die Macht des Patriarchats zurück. Gründe freie Schulen (wenn es denn unbedingt sein muss), in denen die Kinder in allen Altersstufen gemeinsam miteinander und voneinander lernen können. Sei mutig, auch gegen die vielen Widerstände, die immer noch in unserem Alltag auftauchen. Es sind die Abwehrmechanismen eines sterbenden Systems, das natürlich so lange wie möglich am Leben bleiben will.

 

Und noch ein letzter Tipp an die Männer, die diesen Blog lesen oder hören:

 

  • erkenne, dass du zuerst als Sohn deiner Mutter auf die Welt gekommen bist und nicht als Lebensgefährte oder Sexualpartner. Unterstütze die Mitglieder deiner mütterlichen Sippe – deine Mutter, Großmutter, deine Schwestern und natürlich auch deine Brüder. Mehr dazu in der Bonus-Episode #11, die ich ganz speziell den Männern widme.

 

Das waren jetzt nur ein paar Anregungen, wie wir – du und ich – direkt ins Tun kommen können. Vielleicht hast du ja schon einiges umgesetzt oder ausprobiert. Mir fallen noch etliche andere Sachen ein, die wir tun können, um wieder eine menschlichere Welt zu schaffen, aber fürs Erste sollte es reichen.

 

In der folgenden, letzten Blog-Cast-Episode geht es um die Ahninkette – ein Werkzeug, dass zum Einen dich von den Generationen übergreifenden Traumatisierungen befreien kann und zum Anderen dich mit deinen mütterlichen Ahninnen verbindet, ohne die du heute nicht hier wärst. Und wie du die das ganze Konzept für dich umsetzen kannst.

 

Zum Weiterlesen und Weiterforschen, habe ich hier (in der Beschreibung) wieder weiterführende, zum Thema passende Links zu Blogs und Podcast-Episoden aufgeführt:

 

https://www.babelli.de/geburten-damals-und-heute/

https://secure.avaaz.org/community_petitions/de/Gesetzliche_Einfuhrung_eines_alternativen_Familienmodells_zur_Ehe_wahlweise/

https://marthastochter.wordpress.com/2022/05/06/female-choice/

https://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice

 

 

Hier findest du diesen Beitrag zum Anhören eingebettet bei YouTube:

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