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#3 Das kollektive Urtrauma


Wir dachten, dass das Abschlachten unserer Männer das Schlimmste ist, was wir je erleben müssten, doch nun kommt das Vergewaltigten!“

 

 

In der letzten Folge hatte ich dir berichtet, wie das Patriarchat entstanden ist und dass das nicht lieb und nett um die Ecke gekommen ist.

 

Anhand von einem Beispiel möchte ich näher auf diese Traumatisierungen eingehen, die hier zu Beginn des Patriarchalisierungsprozesses, entstanden sind. Aber Achtung! Das wird hier nicht schön und es kann sein, dass bei dir als LeserIn Emotionen getriggert werden.

 

Wir reisen ein paar Jahrtausende zurück in die Vergangenheit, so ca. 7.000 Jahre, und in Richtung heutiges Baden-Württemberg:

 

Wir leben in einer Art kleinen, dörflichen Struktur mit ein wenig Gartenbau. Vor ein paar Jahrhunderten kamen mal Menschen von weit her und brachten das Wissen über den Anbau von Getreide mit und unsere VorfahrInnen nahmen dieses Wissen in ihren Alltag mit auf. Dennoch besteht ein Großteil unserer Nahrung immer noch aus Wild, Niederwild und Fischen aus den umliegenden Flüssen und Seen, sowie Beeren, Nüssen und Pilzen. Wir wissen alles über unser umliegendes Land, wo welche Bäume wachsen und wo welche Tiere leben. Wir leben in matrifokaler Sippenstruktur, das heißt jeder Frau lebt mit ihren Schwestern, ihrer Mutter und der Großmutter – und falls noch am Leben, mit der Urgoßmutter – unter dem Dach eines Langhauses. Natürlich leben hier auch unsere Brüder, die Mutterbrüder und die Großmutterbrüder und alle unsere Kinder.

 

In jedem Langhaus leben so um die 25 bis 30 Menschen aller Altersstufen, vom frisch geborenen Säugling bis zur hochbetagten Greisin.

 

Unsere Werkzeuge bestehen aus Stein, die kunstvoll mit Birkenpech an harten Hölzern befestigt sind – Steinäxte, rasierklingenscharfe Steinmesser und zum mahlen der getrockneten, harten Gräserkörner steinerne Mahlsteine. Unsere Werkzeuge sind so alt wie unsere Erinnerungen.

 

Zu den anderen Langhäusern haben wir matrilineare Verwandschaftsverhältnisse, denn hier leben die Sippen der Töchter der Ururur-Großmütter. Uns eint unsere gemeinsame Ahnmutter, die vor sehr langer Zeit mit ihren Schwestern und Brüdern und Kindern und Enkelkindern von weit her gekommen ist. Und unsere Lieder abends an den Lagerfeuern erzählen von der Zeit, als unsere Ahnmütter immer den Tieren hinterher wanderten und als es noch so viel kälter auf der Welt war.

 

Wir leben in Sicherheit und Frieden (ein Wort, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kennen) und im freundlichen Austausch mit allen Menschen, die hierher kommen und uns besuchen. Denn alle Menschen sind Kinder der Ahnmutter und damit sind wir alle miteinander verwandt.

 

Auch einzelne Gruppen aus unserer Sippe gehen gelegentlich in die Ferne und besuchen andere Sippen und wir tauschen Feuersteine, Bernstein, Muscheln, Felle, Keramik oder aus Nesseln gewebte und mit Pflanzenfarben gefärbte Stoffe.

 

Mindestens 4 Mal im Jahr machen wir ein großes Tausch- und Schenkfest – die, die viele Dinge hergestellt oder selbst vor langer Zeit geschenkt bekommen haben, verschenken an die Menschen, die zum Beispiel nicht so viel Glück bei der Jagd hatten, oder die Ernte schlechter ausgefallen war. Kein Mensch soll Hunger oder Mangel leiden! Das ist unser Grundprinzip des Lebens. Denn die ganze Welt, die wir als eine große Mutter sehen, schenkt uns ebenfalls ihre Dinge – die Tiergeschwister für das Fleisch, die Beeren und Nüsse der Sträucher, die Pilze im Wald. Und wir nehmen auch nur das, was wir wirklich benötigen, damit für alle Menschen, Tiere und Pflanzen genug übrig bleibt.

 

Kurz: wir leben im Einklang mit der uns umgebenden Natur, so wie wir es seit Menschengedenken schon immer gemacht haben.

 

Doch eines Tages kommt eine große Gruppe von Männern, die wir freundlich begrüßen, sind sie doch Söhne ihrer Mütter. Sie kommen mit seltsamen Fahrzeugen, die von Rindern gezogen werden – so etwas haben wir noch nie gesehen! Uns würde es nie einfallen, ein Wisent oder einen Auerochsen zu fangen und vor so ein Ding zu binden, damit es das ziehen kann.

 

Es sind auch ein paar ganz wenige Frauen bei ihnen. Sie verhalten sich so ganz anders als alle Frauen, die wir kennen. Sie sind zurückhaltend, schüchtern, halten sich abseits von allen und tun sofort alles, was die fremden Männer ihnen sagen.

 

Plötzlich richten die Männer ihre Werkzeuge - Speere, Äxte und Keulen, Pfeil und Bogen gegen uns! Ein paar der fremden Männer scheucht uns Frauen und Kinder in eins der Langhäuser, unsere Brüder, Söhne und Mutterbrüder werden auf dem Hauptplatz versammelt.

 

Und jetzt passiert etwas unglaubliches! Die fremden Männer erschlagen unsere Söhne, unsere Brüder, Cousins und die Brüder unserer Mütter! Sogar die alten, weisen Großmutterbrüder werden nicht am Leben gelassen. Wir müssen das durch die Lücken zwischen den Wänden im Langhaus sehen und fangen an zu schreien und zu weinen, denn wir kennen es nicht, dass ein Mensch die Hand gegen einen andern Menschen erhebt! Und hier werden alle unsere Männer – vom Säugling bis zum Greis – wie bei einer Treibjagd abgeschlachtet!

 

Wir versuchen, nach draußen zu kommen und unseren Männern beizustehen, doch ein paar der fremden Männer versperren uns den Weg nach draußen, richten ihre Speere und Pfeile und Äxte auf uns. Besonders die Mütter, die ihre Söhne auf dem Platz sterben sehen, werfen sich mit aller Verzweiflung gegen die bewaffneten Männer. Doch sie werden nur verletzt und müssen ihren Versuch aufgeben.

 

Als nach Stunden draußen die Schreie der Sterbenden verklungen sind, kommen ein paar der Männer in unser Langhaus und suchen sich die jungen Frauen aus, die, die bereits in ihrem Mond sind. Die ganz jungen Mädchen und uns ältere Frauen scheuchen sie hinaus und befehlen uns, unsere toten Männer – unsere Söhne, Brüder und Mutterbrüder - zu begraben.

 

Wir sind schockstarr und können uns vor lauter Entsetzen und Trauer kaum bewegen. Schläge und Tritte der fremden Männer zwingen uns, ihnen nachzugeben und ihren Anweisungen zu folgen.

 

Es dauerte 3 Tage, bis alle unsere toten Männer begraben waren.

 

Aus einem der anderen Langhäuser hören wir immer wieder die Schreie der jungen Frauen, die die fremden Männer dort eingesperrt haben. Wir wissen nicht, was dort mit unseren Schwestern, Töchtern, Nichten und Cousinen passiert, aber ihre verzweifelten Schreie rauben uns den Schlaf. Wir können absolut nichts tun, denn wir haben noch nie Gewalt erfahren.

 

Dass uns mal ein wütendes Wildschwein begegnet oder eine Bärin, das sind unsere Alltagsgefahren – aber eine Gruppe fremder Männer, die von Werweißwoher gekommen sind, deren Haut und Haare heller sind als unsere und die absolut keinerlei Achtung vor den Großmüttern, Müttern und Frauen haben – das erschüttert uns.

 

Unsere ältesten Frauen tun sich zusammen und wollen mit dem Anführer der fremden Männer sprechen, aber sie werden ausgelacht und in den Dreck geschubst.

 

Die fremden Männer haben alle Dinge, die wir zum Leben brauchen aus den Langhäusern geholt und unter sich aufgeteilt. Einige Männer haben mehr Sachen bekommen, einige weniger und ein paar Männer gar nichts. Das verstehen wir nicht, denn bei uns (und allen Sippen, die wir weit und breit kennen) gibt es das nicht, dass jemand gar nichts bekommt. Für alle wird gesorgt – besonders für die Mütter und ihre kleinen Kinder.

 

Es ist nicht ungewöhnlich für uns, dass wir mal ein Kind durch Tod verlieren, weil es eine Krankheit hat die wir nicht heilen können, oder weil es einen schweren Unfall erlitten hat, der mit dem Leben nicht vereinbar war. Aber, dass unsere Kinder durch die Hand fremder Menschen sterben – das ist absolut neu für uns.

 

Gelegentlich werfen uns die fremden Männer ihre Essensreste ins Haus. Wir bemühen uns, das alle den gleichen Anteil bekommen. Doch ein paar von uns sind so verzweifelt, dass sie das Essen verweigern: eine Schwester, die sehen musste, wie ihr gerade sechs Jahre alter Sohn von einem Speer durchbohrt wurde und deren zwölfjährige Tochter in dem anderen Langhaus verschwand und sie seitdem nichts mehr von ihr gesehen oder gehört hat.

 

Wir bekommen kein Holz für ein Feuer und der Herbst ist bereits da. Wir frieren und kuscheln uns eng zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen. Auch unsere Kleider sind mittlerweile nur noch Fetzen, die an unseren, inzwischen mageren Körpern hängen.

 

Immer wieder kommt eine handvoll Männer in unser Haus und bringen eine der wenigen Frauen aus ihrer eigenen Sippe mit. Diese schaut, ob eine von uns schwanger ist. Erkennt sie eine Schwangere, wird diese nach draußen geführt und wir sehen sie nicht wieder.

 

Nach einigen Monaten haben wir kaum noch einen Lebenswillen. Unsere Brüder, Söhne und Mutterbrüder sind nicht mehr am Leben, mit denen wir uns austauschen und beraten könnten. Von uns Frauen verschwindet auch immer wieder eine Schwester, eine Mutter oder eine der älteren Töchter und wir sehen sie nicht wieder.

 

Zwei der Großmütter sind gestorben, weil sie nichts mehr essen wollten damit für uns andere, jüngere, genügend übrig bleiben sollte.

 

Und die fremden Männer haben nun die Gewissheit, dass keine von uns Frauen im Langhaus schwanger ist.

 

Wir dachten, dass das Abschlachten unserer Männer das Schlimmste ist, was wir je erleben müssten, doch nun kommt das Vergewaltigten! Etwas, was wir so noch nie erlebt haben, denn bei uns ist es normal und üblich, dass sich die Frau ihren Sexualpartner auswählt. Er darf nur nicht zu nah über die gemeinsame mütterliche Linie verwandt sein.

 

Kann man es eine „Belohnung“ nennen, wenn wir Frauen und Mädchen, Schwestern, Cousinen mit unseren Müttern nun wieder vereint wurden? Die jungen Frauen, die ganz am Anfang von uns getrennt wurden, tragen jetzt dicke Bäuche vor sich. Alle sind Schwanger von den fremden Männern. Auch sie wurden gegen ihren Willen vergewaltigt. Manchmal durfte sich eine der Frauen aus einer Gruppe von den fremden Männern einen Mann auswählen und mit ihm dann den Geschlechtsverkehr ausführen. Aber eine wirkliche, freie Wahl war das sicherlich nicht.

 

Und 10 Monde später erblicken die ersten Kinder das Licht der Welt. Wir haben uns mit dem neuen Zustand der Gefangenschaft und den ständigen Vergewaltigungen abgefunden.

 

Zurück in die Gegenwart:

 

Einiges klingt sehr vertraut in dieser fiktiven Geschichte, wird es doch bis heute immer und immer wieder auf ähnliche Weise auf der ganzen Welt wiederholt.

 

Wie sich das bis heute halten konnte und warum sich dieses Ur-Trauma kollektiv (also für alle Menschen) in die Knochen kriechen konnte, erzähle ich dir in der nächsten Blog-Episode, in der es um das transgenerationale Trauma geht.

 

Damit du dich mit der Thematik noch vertrauter machen kannst, findest du hier in der Beschreibung noch weiterführende, zum Thema passende Links zu Blogs und Podcast-Episoden:

 

https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-woher-nehmen-wenn-nicht-stehlen

https://blog.gabriele-uhlmann.de/das-massaker-von-talheim

https://www.scinexx.de/news/geowissen/mysterioeser-maennerschwund-in-der-steinzeit/

https://www.iflscience.com/spanish-men-were-completely-wiped-out-by-the-arrival-of-a-new-tribe-4000-years-ago-49937

 

Oder hier unser UrMutterTalk-interaktiv! Podcast über das kollektive Trauma und das patriarchale Stockholm-Syndrom:

 

 

Hier findest du diesen Blogbeitrag zum Anhören auf YouTube:

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