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#5 Das kollektive Stockholm-Syndrom


Was ich in den vorherigen Episoden vergessen habe zu erwähnen ist, dass wir Menschen alle Bindungswesen sind. Das ist für das Verständnis des jetzt folgenden Beitrags wichtig.

 

Durch unsere evo-biologische Sozialisation im menschlichen Kontinuum sind wir eben auch Bindungsorientiert und Bindungszentriert. Das bedeutet, dass wir immer die Gemeinschaft zu Menschen suchen, die wir verstehen und die uns verstehen. Das betrifft nicht nur die nahe und entferntere Familie, sonder eben auch die Nachbarschaft, der Kollegenkreis oder die Vereinsmitglieder. Wir fühlen uns immer zu Menschen hingezogen, von denen wir erwarten, dass sie uns gut tun und uns notfalls hilfreich zur Seite stehen. Dieses Bindungsverhalten ist so derart tief in unserer DNA abgespeichert, dass wir diesen intrinsischen Mechanismus auch anwenden, wenn die Menschen um uns herum uns nicht sonderlich wohl gesonnen sind. Irgend einer zeichnet sich immer ab, der nicht ganz so schlimm und grausam ist.

 

Womit wir beim heutigen Thema sind – dem kollektiven Stockholm-Syndrom:

 

Das Stockholm-Syndrom wurde erstmals nach einem Banküberfall mit Geiselnahme in Stockholm im August 1973 wahrgenommen. Denn nach der letztendlichen Befreiung der Geiseln hatten diese mehr Angst vor der rettenden Polizei als vor den Geiselnehmern. Mit diesen hatten sich in den wenigen Tagen sogar freundschaftliche Verhältnisse ergeben.

 

Wie konnte das passieren?

 

In absolut ausweglosen Situationen versuchen wir immer die möglichst beste Lösung zu finden.

Wenn dich jemand mit einer Waffe bedroht, hast du drei Möglichkeiten: Angriff, Verteidigung oder Aufgabe.

 

Angriff und Verteidigung setze ich hier gleich, denn beides dient dazu, den Angreifer abzuwehren. Allerdings musst du in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob hier die Chancen für dich so gut stehen, dass du als Gewinner aus der Situation hervor gehst. Meistens eher nicht, denn die Chancen stehen schlecht, lebend aus einem Kampf mit einem überlegenen Gegner hervor zu gehen.

 

Also bleibt die Aufgabe, oder Unterwerfung.

 

Dich auf Gedeih und Verderb dem Aggressor hinzugeben. Ihn bestimmen zu lassen, was für dich im Moment Gut und Richtig ist. Ob du auf die Toilette gehen, etwas Trinken oder Essen darfst, das entscheidest du nämlich nicht mehr selber, sondern der oder die Geiselnehmer.

 

Und wenn diese Grundbedürfnisse dir gewährt werden, dann entsteht schon eine positive Bindung an den Aggressor. „Ach, der ist ja gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Ich bekomme ein Stück Brot und darf aufs Klo. Und wenn ich ihm einen Gefallen tue, dann bekomme ich sogar noch etwas mehr, eine Decke zum Schlafen vielleicht.“

 

So erging es auch den Menschen aus der fiktiven Erzählung von Blogartikel #3. Und so erging es allen Menschen, die früher oder später mit den patriarchalen Eroberern in Kontakt kamen. Das gilt übrigens heute noch genauso.

 

Dazu kommt natürlich noch die „Gehirnwäsche“, dass die Anderen, also die Menschen draußen, außerhalb des Geiselnahmeszenarios, böse wären, nichts Gutes mit uns im Schilde führen würden und somit Heil und Schutz nur bei den Geiselnehmern zu finden ist. Das was sie tun ist das Richtige, das Wahre, das Einzige, das das Dasein aller erhält.

 

Und irgendwann, frühestens nach drei Tagen, entsteht eine Bindung zu den Aggressoren. Dies nennt man in der Psychologie „Identifikation mit dem Aggressor“ und ist die korrekte Bezeichnung für das „Stockholm-Syndrom“. Sie ist ein tiefenpsychologischer Abwehrmechanismus zur Angstbewältigung.

 

Hier habe ich die korrekte Definition davon:

 

Eine Person identifiziert sich unbewusst mit einem Aggressor von dem sie körperlich und/oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird.

 

Die Person verinnerlicht und übernimmt dabei unbewusst und oft unwillentlich die Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Aggressors und macht sie zu Anteilen ihres eigenen Selbst.

 

Die Identifikation mit dem Aggressor dient dem Schutz des eigenen psychischen Systems.

 

Sie ist psychisch von hoher Bedeutung, denn sie hält die Funktionsfähigkeit des Selbst aufrecht.

Die Folgen wirken sich in hohem Maße schädigend auf die seelische Integrität und das Wohlergehen des Selbst aus, außerdem wird die Entwicklung der persönlichen Autonomie unterdrückt.

 

Entscheidend sind die Heftigkeit der Überwältigung und die Dauer und Schwere des Traumas!

 

Oder einfacher ausgedrückt:

 

Wenn die Opfer von Gewalt die unerträgliche Situation, der sie ausgesetzt sind, nicht aushalten und nicht ändern können, akzeptieren die Betroffenen häufig die Ansichten des Täters. Denn wenn sie funktionieren, wie der Täter es haben möchte, wird das Überleben wahrscheinlicher. Gleichzeitig wird ihr Selbstwertgefühl zerstört, sie haben ein Gefühl der Abwertung, sie denken, sie hätten nichts Besseres verdient.

 

Nochmal zur Klarstellung:

 

  • Identifikationen mit einem Aggressor sind potenziell lebenslang wirksam.

  • Die traumatisierenden Erfahrungen werden unwillentlich und absichtslos fast immer an die nachfolgende Generation weitergegeben.

  • Unbewusster Hass auf den nicht schützenden Anderen erschafft im Innern ein böses Introjekt (z. B. böse Mutter, die Polizei, den Staat)

  • Die Identifikation mit dem Aggressor bewirkt eine Verachtung der eigenen Bedürfniswelt und ruft paradoxe Schuldgefühle hervor:

  • Schuldgefühle über die eigenen Bedürfnisse, die vom Anderen weder anerkannt noch befriedigt werden.

  • Was nicht gespiegelt und nicht verstanden wird, wird letztlich abgespalten oder verdrängt.

  • In der Verdrängung können Entbehrungen und Verzicht nicht betrauert werden.

 

Wobei wir wieder bei: „traumatisierte Menschen traumatisieren wieder, und wieder, und wieder“, angekommen sind.

 

Weil: irgendwohin muss der angestaute Druck abfließen. Also gibt man die Gewalt an andere Menschen, meist wieder Schwächere, weiter. Hierauf gehe ich genauer in der folgenden Episode „Die Mutterschuld“ ein.

 

Und wer sind jetzt die Täter?

 

Täter sind alle Personen, die aus Sicht des Opfers eine absolute Machtposition haben und denen das Opfer physisch und/oder psychisch ausgeliefert ist.

 

Die Verleugnung der unerträglichen Realität durch Identifikation kann sich so als paradoxe Täter-Opferbindung und traumatische Fixierung aus Angst manifestieren, z. B. bei Partnerschaftsgewalt.

 

„Die Absurdität dieses Syndroms besteht darin, dass die Geisel diese Zuflucht beim Täter sucht, dem vermeintlich stärksten Verbündeten in dieser unberechenbaren Situation. Wenn „alles gut geht“, ist irgendwann alles vorbei. Die Geiseln nehmen zwar das Trauma und den Schrecken mit, aber das grässliche Gefühl Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, baut sich nur langsam ab und bleibt als Erfahrung gespeichert. Doch sie haben überlebt. Sie können in ihr Leben zurückkehren, auch wenn es nie mehr so ganz sein wird, wie es vorher war.“...

 

...„Wir heutigen Frauen sind die Nachfahrinnen der verschleppten Töchter, der entführten und versklavten Mütter der frühen patriarchalen Machtsysteme . Vor ein paar tausend Jahren (etwa zwischen acht und sieben, es ist schwer sich hier festzulegen) begann eine unheilvolle kulturelle Entwicklung, die bis heute andauert.“ (siehe auch Beitrag #3 und #4 dieses Blogs)

 

Hier zitiere ich aus Stephanie Gogolins umfassendem, 3-teiligen Blogartikel über das patriarchale Stockholm-Syndrom. Die Links zum Weiterlesen findest du in der Beschreibung unten.

 

Und wie sich dieses verinnerlichte Stockholm-Syndrom bei afghanischen Flüchtlingsfrauen in Syrischen Flüchtlingslagern auswirkt, zeigt dieser ARD-Bericht aus dem Weltspiegel vom September 2021, den ich aufgenommen habe (Orignalbeitrag leider nicht mehr in der ARD-Mediathek auffindbar):

 

 

Was dieses Generationen übergreifenden Trauma mitsamt dem kollektive Stockholm-Syndrom mit den Frauen, besonders den Müttern, gemacht hat, erzähle ich dir im folgenden BlogArtikel „Die Mutterschuld“.

 

Zum Weiterlesen und Weiterforschen, habe ich hier (in der Beschreibung) noch weiterführende, zum Thema passende Links zu Blogs und Podcast-Episoden:

 

https://marthastochter.wordpress.com/2019/09/06/das-patriarchale-stockholm-syndrom/

https://marthastochter.wordpress.com/2019/10/13/das-patriarchale-stockholm-syndrom-teil-ii/

https://marthastochter.wordpress.com/2020/01/18/das-patriarchale-stockholm-syndrom-teil-iii/

https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat

 

Hier findest du eingebettet diesen Beitrag zum Anhören bei YouTube:

 

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