Frauen im Stockholm-Syndrom

Im letzten Blogbeitrag bin ich auf die Umstände eingegangen, warum auch Frauen zu Sexualstraftäterinnen werden.

 

Heute nehme ich Bezug auf einen Online-News-Beitrag, der ausführlich darüber berichtet, wieso Frauen - wenn sie nicht selbst zu Sexualstraftäterinnen werden - die männlichen Täter unterstützen, sich zum Teil an den Taten beteiligen, zumindest nicht wehren und die Taten geschehen lassen.

 

Der Artikel bezieht sich hauptsächlich auf eine Studie der Juristin Ulrike Hunger, die das Phänomen der "Mittäterschaft" von Frauen in über 100 Strafakten zu sexueller Gewalt/Mißbrauch untersuchte und nun in ihrer Dissertation veröffentlicht hat. Auf einige Umstände möchte ich hier im Bezug auf die Mechanismen des Stockholm-Syndroms aufmerksam machen.

 

Ghislaine Maxwell, Karla Homolka, Michelle Martin und einige andere Frauen waren und sind an sexuellem Mißbrauch beteiligt, wurden entweder schon verurteilt oder stehen gerade im Strafprozess.

 

"Die Kanadierin Karla Homolka, die mit dem Sadisten und Vergewaltiger Paul Bernardo verheiratet war und mit ihm gemeinsam mehrere Mädchen quälte und tötete. Michelle Martin lebte mit Marc Dutroux zusammen, hatte Kinder mit ihm, wusste und billigte seine Taten. Vor Gericht sagte sie, sie habe sich und ihre Kinder dadurch schützen wollen. Ghislaine Maxwell soll Jeffrey Epstein..... geholfen haben, Kontakt zu den misshandelten Mädchen herzustellen......

 

....Offensichtlich scheint die Angst vor dem Täter  ein recht häufiges Motiv zu sein, wenn Frauen des sexuellen Missbrauchs oder einer sexuellen Gewalttat angeklagt werden. Laut der Studie von Ulrike Hunger waren die Angst, verlassen oder selbst misshandelt zu werden, bei einer von zehn Frauen, die wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurden, das Hauptmotiv für diese Straftat.

 Bei den sexuellen Gewalttaten waren es sogar 40 Prozent. Weitere häufige Motive waren die sexuelle Befriedigung des Mittäters und die Liebe der Straftäterin zu diesem Mittäter. Diese Liebe kam auch im Fall Dutroux zur Sprache. Michelle Martin sagte über Dutroux, sie habe sich mit ihm "zum ersten Mal frei und lebendig" gefühlt.....

 

....Auch beim sexuellen Missbrauch gibt es viele Fälle, in denen die Frau half oder auch schlicht wegsah, wenn es zum Missbrauch kam." (Hervorhebungen durch die Autorin)

 

Hier sind einige typische Symptome für Handlungen im Stockholm-Syndrom im Artikel aufgeführt:

  1. Angst vor demTäter
  2. Angst vor dem Verlassen werden
  3. (unreife) Liebe zum Täter, Hörigkeit, Co-Abhängigkeit
  4. Schutz für sich selbst und die eigenen Kinder vor Gewalthandlungen des Aggressors durch:
  • wegsehen, leugnen
  • dulden, geschehen lassen
  • mitmachen, unterstützen

1. Die Angst vor dem Täter ist natürlich eine logische Folge der vorausgegangenen Handlungen des Täters. Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Drohungen/psychische Gewalt lassen jeden Menschen die beiden natürlichen Reaktionen auf Gefahren erleben: Angriff und Verteidigung, was oft negative Folgen haben kann, oder den Totstell-Reflex, die widerstands- und widerspruchslose Aufgabe des Selbst in die bedrohliche Situation, ein Abwarten bis sich der Zustand ändert.

 

2. Die Angst vor dem Verlassen werden ist uns seit Anbeginn der Zeit inhärent gegeben. Denn das Verlassen werden (besonders vom mütterlich-cosanguinen Sippenverband) bedeutete immer schon akute Lebensgefahr, sei es durch Erfrieren, Verhungern/Verdursten oder einem Fressfeind zum Opfer zu fallen.

Haben wir keinen cosanguinen Sippenverband mehr (was heute gängiger Alltag ist), suchen wir automatisch "Verbündete", um uns diesem nährenden Fürsorgefeld zu nähern. Heute in der sexuellen Paarbeziehung, im Freundes- und Kollegenkreise und am Arbeitsplatz.

 

3. Hier entsteht auch die ungesunde, unreife Liebe zu Menschen, die uns nicht immer wohl gesonnen sind. Konnten wir als kleine Kinder sicher und geschützt im mütterlichen Nähefeld aufwachsen, dann entwickelt sich auch gesundes Selbstbild. Werden diese natürlichen Mechanismen gestört, wird auch die persönliche, kindliche Entwicklung gestört. Es kommt zu neurotischen Selbstbildnissen, die im Außen die Lückenfüller suchen, z. B. bei Partnern, die dann als "Erfüllungsgehilfen" des unterentwickelten Selbst dienen müssen.

Hier ist auch z. B. der Grund angelegt, warum Frauen (und auch in geringem Maße Männer) nicht aus Situationen der sog. häuslichen Gewalt fliehen, oder immer wieder dorthin zurück kehren.

 

4. Als natürlicher Reflex ist der Selbstschutz in uns instinktiv angelegt und wir können gar nicht anders agieren, als uns selbst vor Gefahren zu schützen. Bei Müttern erweitert sich der persönliche Selbstschutz auf die eigenen Kinder, das eigene Fleisch und Blut.

Bei Müttern, die tatenlos dem sexuellen Missbrauch oder der Gewalt an ihren Kindern durch den Vater/Lebensgefährten zusehen, bzw. diese geschehen lassen, steht immer der Gedanke "dann lässt er mich in Ruhe" im Vordergrund.

 

Frauen und Mütter, die durch Beobachtung oder eigenem Erleben gelernt haben, dass Widerstand zwecklos ist, ergeben sich in ihr Schicksal. Das scheint auch eine Gemeinsamkeit der Täterinnen in  der Studie zu sein. "Aus den rund 100 Strafakten, die die Juristin analysierte, ging auch hervor, dass einige der Frauen eine ungesunde Einstellung zu Sexualität hatten, in ihrer persönlichen Entwicklung nicht besonders reif oder auch grundsätzlich ängstlich und wenig selbstbewusst waren."

 

Zusammenfassung:

 

Wenn eine Frau oder ein Mädchen sieht oder erlebt, wie Gewalt an ihr oder an Personen in ihrem nahen Umfeld ausgeübt wird, wird sie alles tun, um zu überleben. Diese Anpassung an den Aggressor wird Stockholm-Syndrom genannt. Da dieses Erleben und auch die Beobachtung von Gewalt traumatisiert, kann sich bei nicht zeitnah einsetzender Verarbeitung eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln*.

Durch die Jahrhunderte bis Jahrtausende dauernde Erziehung und Indoktrination von Frauen und Mädchen im Patriarchat zu unselbständigen, angepassten und grundsätzlich ängstlichen Menschen, wird es immer wieder zu solchen Straftaten, bzw. Beihilfen zu diesen, von Frauen kommen. Denn auch heute noch wird das Aufbegehren von Frauen im System heftig und radikal bestraft. Waren es bis vor 200 Jahren noch die "Hexenprozesse", so sind es heute die Hetzkampagnen und Hassreden in den 'Sozialen' Medien, wie Twitter und Facebook gegen Frauen, die sich nicht "systemkonform" verhalten. Die also nicht Schweigen und den Tätern zustimmend Beifall klatschen.

 

Durch das Ur-Trauma der Kurgan/Jemnaja-Überfälle und die Entstehung des Patrirachats haben wir alle (!) von unseren Ahninnen und Ahnen ein Generationen übergreifendes, kollektives Trauma, das wir in uns tragen und ebenfalls an unsere Nachkommen weiter geben, wenn wir nicht diesen Mechanismus erkennen und dann daraus aussteigen. Dabei kann die Arbeit mit der Ahninkette hilfreich sein.

Für eine Welt in Frieden und Harmonie.

 

*Das gilt auch für Männer, aber in diesem Blogbeitrag geht es um Frauen, die Sexualstraftäterinnen werden.

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Kommentare: 1
  • #1

    Stephanie Gogolin (Mittwoch, 15 Juli 2020 14:43)

    genau das ist es ... generell das (Ver)Schweigen brechen und aufhören Tätern jeder Art zu applaudieren und sie und ihre Taten radikal benennen...